Pharma-Debatte eskaliert: Europas Arzneimittelversorgung zwischen China-Abhängigkeit und Krisenplänen
Theo KönigPharma-Debatte eskaliert: Europas Arzneimittelversorgung zwischen China-Abhängigkeit und Krisenplänen
Auf der Jahreskonferenz des Handelsblatts entbrannte eine hitzige Debatte, als Führungskräfte aus der Pharmabranche und Vertreter der Krankenversicherer über die Verwundbarkeiten der Arzneimittelversorgung in Europa aneinandergerieten. Im Mittelpunkt stand die Abhängigkeit Deutschlands von China bei Antibiotika und Generika – doch wie eine künftige Krisenfestigkeit erreicht werden soll, blieb umstritten. Kritiker monierten, dass aktuelle Maßnahmen wie Lagerbestände und Handelsabkommen die tieferliegenden strukturellen Risiken nicht ausreichend angehen.
Dr. Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI), warnte, die Schwächen in den europäischen Arzneimittellieferketten seien weit größer als angenommen. Deutschland, als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, könne es sich nicht leisten, sich auf Reserven zu verlassen, die nur wenige Monate reichen, betonte er. Tim Steimle, Leiter Pharma bei der Techniker Krankenkasse (TK), behauptete hingegen, die Regierung habe ihr Ziel von sechsmonatigen Vorräten bereits erreicht – eine Aussage, die von anderen umgehend zurückgewiesen wurde.
Kerem Inanc, Geschäftsführer von Alliance Healthcare Deutschland (AHD), bezeichnete die Sechs-Monats-Reserve als unzureichend. Er forderte klarere Planungen für reale Krisenszenarien und verwies darauf, dass 90 Prozent des globalen Handelsguts auf nur 6.000 Schiffen transportiert werden – ein höchst fragiles System. Inanc stellte die Vorstellung widerstandsfähiger Logistik infrage und drängte auf eine offene Debatte über die Risiken.
Thomas Weigold, Deutschlandchef von Sandoz/Hexal, lehnte Dialoge als Lösung für die zu starke Abhängigkeit von China ab. Das vorgeschlagene Freihandelsabkommen mit Indien nannte er "absurde" – es könne zwar kurzfristig die Gewinne steigern, langfristig aber die Versorgungssicherheit bei Generika untergraben. Steimle hingegen begrüßte das Indien-Abkommen und verwies darauf, dass Rabattverträge zunehmend in umfassendere Liefervereinbarungen überführt worden seien – mit Ausnahme von Kinderarzneimitteln.
Die Bundesregierung hat bereits Maßnahmen wie die Pharma-Strategie 2030 auf den Weg gebracht, die mit 500 Millionen Euro die heimische Produktion kritischer Medikamente fördern soll. Dazu zählen unter anderem durch das Versorgungssicherungsgesetz vorgegebene Lagerpflichten, EU-Fördergelder über die Behörde HERA sowie staatliche Garantien für neue Produktionsstandorte. Doch Branchenvertreter bestanden darauf, dass weit höhere Investitionen nötig seien, um die Abhängigkeit von Drittstaaten zu verringern – während die Versicherer solche Warnungen als übertrieben abtaten.
Die Konferenz offenbarten tiefe Gräben darüber, wie Europas Arzneimittelversorgung gesichert werden kann. Während die Politik Fortschritte bei Lagerbeständen und Fördermitteln hervorhebt, fordern Kritiker konkrete Szenarien und nachhaltige Lösungen. Die Debatte zeigt das anhaltende Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichem Pragmatismus und dem Streben nach Unabhängigkeit bei lebenswichtigen Medikamenten.






